Brief einer Elternsprecherin | dramatische Lage unserer Kinder

Robert Weiß Bildung, Coronavirus, Deutschland, Familie, Gesundheit, Kinder und Jugend, Regierung

Janet Züchner, Schulelternsprecherin des Orlatal-Gymnasiums in Neustadt/Orla

“Sehr geehrter Herr Weiler. Mein Name ist Janet Züchner. Ich wende mich heute stellvertretend für viele Familien des Saale-Orla-Kreises an Sie, um auf unsere verzweifelte Situation aufmerksam zu machen.

Sie hatten ja bereits in dem an Frau Bundeskanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten gerichteten offenen Brief klar geschildert, wie sich die derzeitige Lage in unserem Land gestaltet und wie die Bürger unter der Pandemie und dem Lockdown leiden.

Ich möchte Sie gern speziell für unsere Kinder und Jugendlichen sensibilisieren und hoffe, dass Sie sich vielleicht im Bundestag gerade in Hinblick auf das “Notbremse”-Gesetz für sie stark machen. Es ist unfassbar, dass mit diesem Gesetz solche einschneidenden Regelungen beschlossen werden, die die Belange der Kinder und Jugendlichen außer Acht gelassen und von reinen Inzidenzen abhängig gemacht werden.

Die Pandemie hat Deutschland bereits seit einem Jahr fest im Griff. Vor ziemlich genau einem Jahr wurden die Schulen als erste Maßnahme geschlossen und die Schüler wurden in mehr oder minder guter Qualität zu Hause beschult. Erst 2 Monate später wurden ganz sukzessive die Schulen wieder geöffnet. Meine ältere Tochter besuchte in dieser Zeit die 7. Klasse und durfte im 2. Schulhalbjahr für genau 6 Tage nochmal in den Präsenzunterricht in die Schule zurückkehren.

Nun haben wir in etwa die gleiche Situation wie vor einem Jahr. Die Schulen sind erneut in einigen Regionen des Landes geschlossen. Im Saale-Orla-Kreis gehen die Kinder seit über 5 Monaten nicht mehr zur Schule oder in den Kindergarten. Ein vertanes Jahr, in dem man hätte die Schulen besser auf das pandemische Geschehen vorbereiten können. Stattdessen versäumte es der Bund und die Länder gleichermaßen die Schulen besser auszustatten. Sei es mit Technik, um wirklich auch in ländlichen Gegenden einen adäquaten Unterricht via Videokonferenzen zu ermöglichen, noch mit Hygienekonzepten, wie Luftreinigung oder neuerdings ausreichenden Schnelltests, die seit kurzem auf dem Markt sind. So sollte ein sicherer Schulbetrieb auch bei hohen Inzidenzen möglich sein.

Stattdessen sind die Schulen die ersten Einrichtungen, die bei einem Anstieg der Fallzahlen geschlossen werden sollen, obwohl sie nachweislich kein Pandemietreiber sind. Unser Landkreis  ist bestes Beispiel dafür, dass weder Schulschließungen noch nächtliche Ausgangssperren einen nennenswerten Einfluss darauf haben, die Inzidenzen wirkungsvoll zu senken. Trotz dieser Maßnahmen hat sich das pandemische Geschehen so entwickelt, dass der Landkreis derzeit immer noch Inzidenzen von über 200 aufweist. Umgekehrt sind die Schulen auch die letzten Einrichtungen, die nach einer Welle schnell in den Regelbetrieb zurückkehren dürfen. Während Menschen in den Urlaub nach Mallorca fliegen können, wenn Profisportler seit längerem ohne Einhaltung von Abstandregeln ihr Spiel fortführen dürfen, sitzen Tausende Kinder zu Hause und müssen täglich auf´s Neue versuchen, sich mehr oder weniger selbst zu beschulen. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit geblieben?

Das Kabinett um Bundeskanzlerin Merkel kündigt leichtfertig einen weiteren Lockdown mit dem “Notbremse-Gesetz” an, verbunden mit weiteren Schulschließungen- je nach Inzidenzlage- ohne auch nur einen Ansatz von Empathie für die junge Generation zu entwickeln, die doch eigentlich die größten Opfer in der Pandemie erbringen. Statt die Schulen entsprechend auszustatten, wird der Schulbetrieb bundeseinheitlich von diesen Werten, die einfach festgelegt wurden sind, abhängig gemacht. Doch sollten gerade die Schulen von solchen Beschlüssen und theoretischen Werten außen vor gelassen werden, weil gerade die Ausbildung der nächsten Generation ein sensibles und wichtiges Thema ist. Konkret bedeutet das für unseren Landkreis mit einer aktuellen Inzidenz von 230, dass sich die Schüler noch einige Wochen bis Monate gedulden müssen, bis sie wieder Präsenzunterricht haben können. Vermutlich neigt sich da das aktuelle Schuljahr dem Ende entgegen und die Kinder waren in der Summe 7 Monate zu Hause und mussten sich allein beschulen. In einem so reichen Land, wie dem unseren, besteht ein Bildungsnotstand und die Familien werden mit ihren Sorgen allein gelassen werden. Dabei sind es ja gerade die Familien, die mit ihren Kindern die Zukunft Deutschlands sichern. Denn wer, wenn nicht unsere Jugendlichen und Kinder werden eines Tages mit neuen Innovationen, Ideen oder Strömungen das Land verändern, prägen und weiterentwickeln.

Seit Monaten müssen Millionen Kinder und Jugendliche neben dem Recht auf Bildung auch auf, für ihre Entwicklung so wichtigen sozialen Kontakte verzichten. Es ist ein Trugschluss, dass Homeschooling in Deutschland funktioniert. Es fehlen, wie eingangs erwähnt, an vielen Orten die technischen Voraussetzungen, aber auch oft engagierte Lehrer, die Distanzunterricht in entsprechender Qualität praktizieren, so dass es dem Namen gerecht wird. Wo soll das hinführen? Einer ganzen Generation wird der Zugang zu Bildung verweigert. Das wirkt sich doch auch auf die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft aus. Steigende Rate der Schul- und Ausbildungsabbrecher, Erhöhung der psychischen Erkrankungen bei jüngeren Menschen, weitere Zuspitzung des Fachkräftemangels usw. usf. In meinem Umfeld gibt es 14jährige Kinder, die Angst um ihre Zukunft haben.

Sollte man sich in diesem Alter nicht eher Gedanken um den ersten Kuss machen?

Unsere Kinder und Jugendlichen sind keine Wähler, deren Stimmen man nicht verlieren darf, sie sind keine millionenschweren Lobbyisten, die ihre Interessen durchsetzen können. Deshalb bitte ich Sie inständig aus Angst um die Zukunft unserer Kinder und unseres Landes: Geben Sie unseren Kindern und Jugendlichen eine Stimme und vertreten öffentlich ihre Interessen. Machen Sie die Politiker im Bundestag auf die herrschende Situation aufmerksam. Wägen Sie bei wichtigen Beschlüssen auch immer das Wohlergehen unserer Kinder ab. Nach der Pandemie sollten die Kinder und Jugendlichen verstärkt in den Fokus gerückt werden und durch Hilfsprogramme und Initiativen nun entstandene Defizite ausgeglichen werden können. Auch die junge Generation hat das Recht auf Solidarität in dieser schwierigen Zeit.

Hochachtungsvoll

Janet Züchner”